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Suetonius and the Politics of Private Life
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31 December 2026
Jannis Koltermann untersucht die Funktion des sogenannten "Privatlebens" des Kaisers in Suetons Kaiserbiographien neu und stellt damit die einflussreiche Auffassung infrage, Suetons Interesse an Liebesaffären, Essgewohnheiten und Freizeitbeschäftigungen zeuge von politischem Desinteresse. Durch die Verbindung philologischer und historischer Methoden (beispielsweise Close Reading und Kontextualisierung) zeigt der Autor, dass Suetons Darstellung des Privatlebens des Kaisers die strukturellen Gegebenheiten des Prinzipats im antiken Rom widerspiegelt und sich zugleich aktiv mit den politischen Diskursen seiner eigenen Zeit, der nachdomitianischen Epoche (spätes 1./frühes 2. Jahrhundert n. Chr.), auseinandersetzt.
Die Studie entfaltet ihre Argumentation in drei Schritten. Zunächst verortet sie Sueton innerhalb der Tradition der römischen Biographie und Geschichtsschreibung, indem sie seinen Ansatz unter anderem mit Tacitus' Agricola und Plinius' Panegyricus vergleicht. Dabei werden zwei konkurrierende Modelle der Darstellung der privaten Sphäre eines Protagonisten herausgearbeitet: ein republikanisches und ein kaiserzeitliches. Anschließend rekonstruiert die Untersuchung anhand einer detaillierten Analyse von Augustus 61 Suetons eigene Terminologie und zeigt, dass er den Ausdruck privata vita bewusst vermeidet und stattdessen von interior ac familiaris vita spricht. Dieser sprachliche Wandel spiegelt die veränderte Semantik von privatus unter der Herrschaft eines Einzelnen wider. Die Studie schlägt daher "unofficial life" ("inoffizielles Leben") als treffendere englische Entsprechung vor. Schließlich wird anhand von Fallstudien zu Kaisern wie Tiberius, Claudius und Julius Caesar gezeigt, wie Sueton Anekdoten über inoffizielles Verhalten nutzt, um politische Auswirkungen und den authentischen Charakter seiner Protagonisten offenzulegen, vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Beschäftigung mit Verstellung und Dissimulation. Suetons Methode erscheint so als Anpassung der politischen Geschichtsschreibung an die Bedingungen der Alleinherrschaft - nicht als Abkehr von ihr.
BIOGRAPHY & AUTOBIOGRAPHY / Historical, Autobiografien: historisch, politisch, militärisch, HISTORY / Ancient / General, HISTORY / Historiography, Biografien: Könige und Königinnen, Antike, Geschichtsschreibung, Historiographie
Introduction
1. Suetonius in scholarship: scholar or artist
2. What is private life?
3. What is politics?
4. Structure and methodology
Chapter 1: Context and tradition
1. The private life of Tacitus' Agricola: impeccable, yet insignificant
2. The historiographical tradition I: Cato's nameless generals
3. The historiographical tradition II: only villains have a private life in Sallust's Catiline
4. The biographical tradition: private life as side issue in Nepos
5. Otio prodimur: the novel significance of 'private life' in Pliny's Panegyricus
6. Conclusion
Chapter 2: Redefining the emperor's private life (Aug. 61)
1. From text to concept: splitting up the emperor's life
2. The republican magistrate had a private life
3. The reigning emperor did not have a private life
4. Suetonius' turn: the magistrate's privata vita is the emperor's interior ac familiaris vita
5. Aug. 61 within the Caesars
6. Conclusion
Chapter 3: The revelatory function of unofficial life
1. The emperor's character as a literary and political problem
2. Character predicted: Tiberius' banquets, Nero's toys, Domitian's flies
3. Filling out character: Claudius, Galba, Vitellius and the people behind the scenes
4. Character in a nutshell: Caesar's baldness and the significance of hair care
5. Conclusion
Conclusion
1. Suetonius in the history of historiography and biography
2. Suetonius in the politics of his time