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Sterbekunst als Selbstsorge zwischen Vergangenheit und Zukunft
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31 January 2027
Patrick Nehr-Baseler untersucht spätmittelalterliche Texte zur guten Sterbevorbereitung und -begleitung (artes moriendi) daraufhin, welche Formen der Selbstsorge sie vermitteln und inwiefern sie spezifische Umgänge mit der eigenen Zukunft entwerfen. Er verbindet damit neuere Forschungen zur mittelalterlichen Selbstsorge mit Studien zur Zeitwahrnehmung und Selbstverortung. Vor diesem Hintergrund geht er von der Hypothese aus, dass der spätmittelalterliche Mensch den spannungsvollen Zeitraum zwischen Gegenwart und eigenem Sterben als Reflexionsfläche und als Möglichkeitsraum heilsbezogener Selbstsorge verstand.
Ausgangspunkt der Untersuchung ist die texthermeneutische und inkunabelkundliche Analyse eines Sammeldrucks aus dem Augsburger Benediktinerkloster St. Ulrich und Afra (1473) sowie seiner zweiten Auflage von 1476. Der Druck zeichnet sich durch eine Verdichtung unterschiedlicher Zeitsemantiken der Eschata aus und bildet den Ausgangspunkt für die Untersuchung eines Korpus von 33 weiteren zwischen 1472 und 1519 in Augsburg erschienenen Inkunabeln und Frühdrucken. Diese werden systematisch in ihren Sammlungs- und Werkzusammenhängen analysiert. Auf diese Weise verbindet der Autor die Analyse materieller Druckzusammenhänge mit texthermeneutischen sowie theologie-, frömmigkeits- und mediengeschichtlichen Fragestellungen.
Der Autor zeigt, dass artes moriendi nicht allein auf die Individualeschatologie ausgerichtet sind. In ihren jeweiligen Druck- und Überlieferungszusammenhängen entfalten sie Konzepte der Selbstsorge, die sowohl auf kontemplative Zukunftsimagination als auch auf die Ordnung der verbleibenden Lebenszeit zielen. Zugleich wird deutlich, dass Sammeldrucke und Werkzusammenhänge die Sinnbildung der artes moriendi wesentlich prägen und Drucker sowie Offizinen als aktive Gestalter religiöser Diskurse hervortreten. Patrick Nehr-Baseler leistet damit einen Beitrag zur Neubewertung spätmittelalterlicher Frömmigkeitspraktiken und zeigt, dass sich Fragen nach Selbstsorge und Zukunftsorientierung erst im Zusammenspiel von Text, Materialität und Druckkontext historisch erschließen.
HISTORY / Europe / General, Europäische Geschichte: Mittelalter, HISTORY / Social History, RELIGION / Christian Theology / Systematic, BUSINESS & ECONOMICS / Industries / Media & Communications, Sozial- und Kulturgeschichte, Devotionalien, Religion: Eschatologie, Verlag und Buchhandel
1. Einleitung
1.1 Unsicherheiten und Zeitlichkeiten des Sterbens - Hinführung zu Untersuchungsgegenstand und Fragestellungen
1.2 Perspektiven und Probleme der Forschung
1.3 Vorgehen und Thesen
2. Methodischer Umgang mit Inkunabel- und Frühdrucken sowie Korpusbildung
2.1 Methodischer Umgang mit Inkunabel- und Frühdrucken
2.2 Nomenklatur und Analyseaspekte zur Typologisierung von Drucken
2.3 Grundzüge des Augsburger Buchdruckes von 1468 bis 1519
2.4 Chronologischer Überblick über das Korpus
2.5 Überlieferungssituation gedruckter frühneuhochdeutscher artes moriendi
Teil I: Der Sammeldruck von 1473/6: Verflechtung von Jenseitskontemplation und Sterbereflexion
3. Sinnlich-emotionale Selbstsorge durch Konfrontation mit den letzten Dingen - der Sammeldruck von 1473/6
3.1 Alt und Neu - Text- und Übersetzungsgeschichten des Sammeldruckes
3.2. Das innere Auge reinigen und so zum Opfer werden: Die Dialogi Gregors des Großen
3.3 Sinne, Emotionen und Selbstsorge
3.4 Das Gewissen prüfen, hoffen und die Wahrnehmung des Jenseitigen - Selbstsorge durch die Lektüre von Jenseitsreiseberichten
3.5 Von Innen nach Außen: Selbstreflexion als Weg zum guten Sterben im Speculum artes bene moriendi
3.6 Die Imagination des eigenen zukünftigen Selbst: meditative Selbstsorge durch Lektüre des Cordiale-Auszugs
3.7 Ergebnisse
4. Affordanz, Gebrauchskontext und Rezeption des Dialogi-Sammeldrucks
4.1 Die Klosterdruckerei von St. Ulrich und Afra und die Offizin Johann Bämlers
4.2 Affordanz der Dialogi-Sammeldrucke (1473/76)
4.3 Exemplarspezifische Daten der Drucke
4.4 Gebrauchskontexte und -spuren
4.5 Ergebnisse
5. Zwischenfazit
Teil II: Sterbereflexion und Lebenszeitgestaltung in gedruckten Sterbeschriften
6. Problematisierung: heilsbezogene Selbstsorge zwischen zeytlichem und geistlichem Leben
7.Die Sorge um den eigenen Körper - Gesundheit, Krankheit und Altern
7.1 Spätmittelalterliche Umgangsformen mit Gesundheit, Krankheit und Altern
7.2 Medizinische (Selbst)Versorgung
7.3 Ordnung und Maßhalten als Form heilsbezogener Selbstsorge
7.4 Alter(n) und Verfall
7.5 Heilung als Aspekt guten Sterbens
7.6 Ergebnis
8. Die letzten Dinge oder das Weiterleben der sozialen Gemeinschaft - Formen der heilsbezogenen Selbst- und Fürsorge
8.1 Fürsorge oder Selbstsorge? Vita contemplativa und vita activa in Erhards Groß Laiendoctrinal
8.2 Die Ordnung des eigenen Guts als Für- sowie Selbstsorge
8.3 Die Ordnung des Familienlebens als Für- und Selbstsorge
8.4 Exklusion der Gemeinschaft in Geilers von Kaysersberg Trostspiegel
8.5 Fürsorge und Selbstsorge in geistiger Gemeinschaft - das Beispiel der Rosenkranzbruderschaft
8.6 Ergebnis
9. Fazit
9.1 Zusammenfassung
9.2 (Methodologische) Überlegungen und Thesen für anschließende Forschungen