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Pentekostaler Gottesdienst und reformatorische Tradition im Gespräch
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31 December 2026
Suchbewegungen zu Spiritualität nehmen außerhalb traditioneller Kirchenstrukturen zu, während christliche Kirchen in Deutschland Mitglieder verlieren. Zugleich verzeichnen Pfingstkirchen im globalen Süden enormes Wachstum. In Brasilien bilden pentekostale Kirchen mittlerweile eine bedeutende politische Größe. Durch Globalisierung und Digitalisierung entsteht eine neue Nähe zu pluralen Formen gelebten christlichen Glaubens, die stellenweise fremd erscheinen. Die Gestaltung des religiös-weltanschaulichen Pluralismus wird zur Aufgabe. Ein differenziertes theologisches Verstehen pentekostal-christlicher Ausdrucksformen der Pfingstbewegung aus dem gegenwärtigen globalen Süden jenseits von Exotismus und vereinfachenden Stereotypisierungen stellt ein Desiderat dar. Rahel Pereira analysiert das liturgische Paradigma pentekostaler Gottesdienste am Beispiel der brasilianischen Pfingstkirche Assembleias de Deus und führt es auf seine theologischen Voraussetzungen zurück.
Der methodologische Zugang erfolgt im Rahmen einer praxeologischen Hermeneutik, die sprachphilosophische und phänomenologische Ansätze als heuristische Werkzeuge nutzt. Diese Methodik macht das in routinisierten körperlichen Praktiken des Gottesdienstes eingeübte Wissen zugänglich. Die lateinamerikanisch-pfingstliche Theologie wird als eigenständige Ausdrucksform des Christentums des globalen Südens wahrgenommen und in einem kritisch-konstruktiven Gespräch mit der reformatorischen Tradition verortet. Ausgehend vom Gottesdienst als gemeinsamem Bezugspunkt werden die je spezifischen Bildungsprozesse des Glaubens in pentekostaler und reformatorischer Praxis transparent und im Vergleich auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin lesbar.
Die Autorin identifiziert wesentliche Impulse für die reformatorische Tradition. Unter anderem erinnert die pentekostale Praxis daran, dass sich die gottesdienstliche Gott-Mensch-Kommunikation nicht ausschließlich im verleiblichten Wort in Form von Verkündigung und Abendmahl ereignet, sondern der Mensch vom göttlichen Gegenüber ganzheitlich in seinem Dasein angesprochen wird. Das Priestertum aller Glaubenden aktualisiert sich im pfingstkirchlichen Kontext durch enthusiastische Erfahrungen. Gottesdienstliche Praktiken wie die Zungenrede werden auf ihre strukturelle Funktion hin analysiert: Das Einüben einer offenen Empfangshaltung als mehr-als-sprachliche Dimension der Begegnung mit dem Göttlichen bietet Impulse für die Suchbewegung nach einer lutherisch profilierten Spiritualität. Pentekostale Heilungsrituale machen den sozialen Aspekt von Prozessen des Heilwerdens einsichtig. Das Austreiben von Dämonen erinnert daran, dass Befreiung aus menschlich ausweglos scheinenden Situationen möglich ist.
Zugleich formuliert die Autorin Rückfragen an die pentekostale Praxis: Die Gabestruktur im Gottesdienst und das Kooperationsverhältnis von Gott und Mensch bedürfen theologischer Präzisierung, beispielsweise im Blick auf den Altar Call als Einladung zum Glauben und der darauffolgenden ‚Weihe' in Form der Entscheidung einzelner. Zudem erweist sich eine konsequente Verbindung von Leiblichkeit und verständlichem Wort als notwendiges Unterscheidungskriterium zwischen heilsamen oder toxischen geistigen Praktiken. Spannungen zwischen gelebtem Priestertum und hierarchischen Gemeindestrukturen werden ebenso problematisiert wie der Umgang mit Vorstellungen, ein bestimmter Heiligkeitszustand eines Menschen sei von außen einsehbar, etwa anhand der Ausübung bestimmter charismatischer Gaben oder aufgrund von materiellem Wohlstand als Segensmarker. Nicht zuletzt entwickelt die Autorin im Anschluss an pentekostale Predigtpraxis einen hermeneutischen Ansatz, der mutiges Sprechen von Gottes Wirken mit der Möglichkeit der Selbstrelativierung verbindet. Dieser bietet eine Gesprächsgrundlage beim Ringen um konkrete theologische und ethische Sachverhalte im ökumenischen Gespräch.
RELIGION / Christianity / Pentecostal & Charismatic, Pfingstkirchen oder charismatische Bewegungen, RELIGION / Biblical Commentary / General, RELIGION / Christian Life / Prayer, Christentum: Heilige Texte und geheiligte Schriften, Predigten und Liturgie
Einleitung
1. Wahrnehmungen von Pentekostalen
2. Wer sind Pentekostale?
3. Forschungslage
4. Historischer Abriss zu den Assembleia(s) de Deus (AD)
5. Der Gottesdienst als Gespräch
6. Methodik
7. Aufbau
I. Analyse: Liturgische Vollzüge des pentekostalen Gottesdienstes und ihre theologischen Implikationen
A. Lobpreis und Zeugnis: Verherrlichen und Bekennen
1. Gott loben und preisen
2. Ekstase in der Liturgie
3. Gott im Leben bezeugen
4. Zwischenfazit: Freude und Genuss in Übereinstimmung mit Wahrheit
B. Gott im Wort: Gott sprechen
1. Schriftlesung
2. Pentekostales Predigen
3. Prophetische Rede
4. Zwischenfazit: Menschliche Sprache als Medium göttlicher Rede
C. Der Altar Call: Freiheit durch Herrschaftswechsel
1. Eine historische Skizze der Entstehung des Altar Call
2. Der Altar Call in der pentekostalen Liturgie
3. Eine Heuristik der Leiblichkeit
4. Der Altar Call in der Dimension der Freiheit
5. Zwischenfazit: Empowerment - Freiheit zur Gestaltung
D. Der Segen: Orientierung an der Verheißung Gottes
1. Segenspraxis
2. Zwischenfazit: Einblick und Ausblick im Segen
II. Fortführende Überlegungen: Zusammenschau pentekostaler Gottesdienstpraxis und ihr Beitrag zum pentekostal-lutherischen Dialog
A. Praxeologische Beobachtungen und strukturierende Grundkategorien
1. Eine Synthese des pentekostalen Gottesdienstes
2. Theologische Voraussetzungen und ihre liturgische Umsetzung - eine Selbstvergegenwärtigung anhand von Luthers Formula missae (1523)
B. Pentekostale und lutherische Zugänge im Gespräch
1. Wahrheitsfragen: eine Kriteriologie des Gottesdienstes
2. Schlussbetrachtung: das Entdecken von Eigenem im Fremden