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Just a Matter of Perspective?
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30 September 2026
Geschichten sind konstitutiv für die frühchristliche Literatur. Dennoch hat eine der grundlegendsten narratologischen Kategorien, die Erzählperspektive, in der neutestamentlichen Forschung bislang keine eingehende Behandlung erfahren. Christoph Heilig zeigt, dass dieses Konzept - in Anlehnung an Gérard Genette als Fokalisierung bezeichnet - für eine angemessene Analyse frühchristlicher Erzählungen unverzichtbar ist. Erzählungen werden schließlich nicht nur durch das definiert, was sie erzählen, sondern auch dadurch, wie sie es erzählen: Ein Erzähler kann unterschiedliche Geschichten vermitteln, je nachdem, durch wessen Augen er die Lesenden die sich entfaltenden Ereignisse wahrnehmen lässt.
Unter Rückgriff auf aktuelle kognitiv-linguistische Ansätze adaptiert der Autor diese Kategorie für die Exegese koinegriechischer Texte des ersten Jahrhunderts. Im gesamten Neuen Testament eröffnet die Fokalisierung neue Einsichten in grundlegende Fragestellungen: Sie erklärt, wie Paulus seine Adressaten durch kurze narrative Passagen überzeugt, stellt die synoptische Redaktionskritik auf eine neue Grundlage, bietet differenzierte Instrumente zur Beurteilung der Rolle von Augenzeugen im Markus- und Johannesevangelium, löst Debatten um die Wir-Passagen der Apostelgeschichte und klärt die Erzählstruktur der Offenbarung.
Wann immer wir diese Geschichten lesen, treffen wir unausweichlich Annahmen über Perspektive. Exegese benötigt daher eine Methodologie, die zugleich historisch sensibel und kreativ ist. Dazu gehört auch die Rezeptionsgeschichte dieser Perspektiven seit den apokryphen Schriften, die sichtbar macht, welche Blickwinkel spätere Neuinterpretationen prägen und welche marginalisiert werden.
Theologisch betrachtet lassen sich die Erzählungen folglich nicht auf ihre Handlungsabläufe reduzieren; ihre inhärente Multiperspektivität muss in Nacherzählungen für unsere Zeit bewahrt bleiben. Im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, in dem wissenschaftliches Arbeiten zunehmend an Maschinen ausgelagert wird, liegt der bleibende Wert menschlicher Interpretation gerade in diesem persönlichen Akt des Sehens, der mit anderen geteilt wird.
Dieses Werk wurde mit dem Dewetteanum 2024, den Preis für die beste wissenschaftliche Arbeit der Theologischen Fakultät der Universität Basel ausgezeichnet.
RELIGION / Biblical Studies / New Testament, Neues Testament, RELIGION / Biblical Commentary / General, LANGUAGE ARTS & DISCIPLINES / Linguistics / General, Christentum: Heilige Texte und geheiligte Schriften, Sprache: Geschichte und Allgemeines
Geboren 1990; 2009-14 Studium der Theologie sowie der biblischen Sprachen und Literatur (Gießen, St Andrews, Göttingen); 2020 Promotion (Universität Zürich); 2024 Habilitation (Universität Basel); Forschungsgruppenleiter an der Universität München; Mitglied der Jungen Akademie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.
1 Narratology: Who Sees?
1.1 Genette's Proposal
1.2 Subsequent Discussions
1.3 A Constraint Approach to Focalization
1.4 Markers of Internal Focalization
1.5 The Oversight of Focalization in New Testament Exegesis
1.6 From Narratology to Exegesis
1.7 Concluding Thoughts
2 Cognitive Linguistics: The Viewpointed Nature of Language
2.1 The Rise of Cognitive Linguistics
2.2 Core Assumptions of Cognitive Linguistics
2.3 Construal
2.4 Specificity
2.5 Focusing
2.6 Prominence
2.7 Perspective
2.8 Concluding Thoughts
3 Paul's Letters: Shifting Perspectives
3.1 External Focalization
3.2 The Perspective of the "Narrating I"
3.3 The Perspective of the "Narrated I"
3.4 Other Focalizers
3.5 Concluding Thoughts
4 Synoptics: Redaction Criticism Re-Visioned
4.1 Patterns of Focalization in the Synoptics
4.2 Imperfect Focalization in Mark
4.3 A Female Perspective
4.4 Concluding Thoughts
5 Eyewitnesses: Peter and the Beloved Disciple as Focalizers in Mark and John?
5.1 Bauckham's Thesis on Mark: Peter as Eyewitness and Focalizer?
5.2 The Beloved Disciple as Focalizer?
5.3 Concluding Thoughts
6 Acts: Tracing Luke's Presence
6.1 The We-Passages in Scholarship
6.2 Markers of Internal Focalization in Concert with First-Person Pronouns and Verb Forms
6.3 Luke Enters the Stage
6.4 Luke's Presence in Philippi
6.5 Leaving the Focalizer Behind
6.6 Getting the Band Back Together
6.7 Short Outlook on the Rest of Acts
6.8 Concluding Thoughts
7 Revelation: A Heavenly Perspective
7.1 A Prima Facie Case for the Experiencing I as Focalizer
7.2 John's View of Jesus (Rev 1:10-17)
7.3 Jesus as an Embedded Narrator and Focalizer (Rev 2-3)
7.4 John's Heavenly Perspective (Rev 4-5)
7.5 Some Indications for Future Research
7.6 Concluding Thoughts
8 Epilogue: Broadening the Perspective
8.1 The Inevitability of a Viewpointed Construal
8.2 Reception History
8.3 Theology