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Ethik der Nähe
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31 December 2026
Die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt fordert die evangelische Kirche in ihrem Selbstverständnis heraus. Der Band verbindet sozialwissenschaftliche, systematisch-theologische und kulturanalytische Zugänge, um die Bedingungen, Dynamiken und Sprachmuster zu verstehen, die Missbrauch und sexualisierte Gewalt in kirchlichen Kontexten begünstigt und seine Aufarbeitung erschwert haben.
Ausgehend von den Ergebnissen der ForuM-Studie werden die strukturellen und semantischen Besonderheiten kirchlicher Organisationen untersucht: die Machtasymmetrien zwischen Amt und Gemeinschaft, die Verantwortungsdiffusion in partizipativen Strukturen und die Rolle informeller Kommunikationswege. Analysen zu Filmen, Institutionen und einer Planspielsimulation zeigen, wie kirchliche Nähe-, Vertrauens- und Familiensemantiken zu Formen einer hilflosen Institution führen konnten, die Macht verneint, statt sie zu regulieren.
Theologisch-systematisch wird diese Diagnose weitergeführt: Eine Ethik der Nähe entwickelt Kriterien für verantwortete Beziehungen in asymmetrischen Kontexten - auf Basis leiblicher Integrität, Zustimmungspflichtigkeit und professioneller Verantwortung. Die Beiträge zu toxischen Leitvorstellungen und Opferanalogien zeigen, wie idealisierte Bilder von Familie, Gemeinschaft und Opfergeist die Wahrnehmung realer Gewalt verzerrten. Dagegen wird eine Organisationskultur entworfen, die auf Freiheit, Transparenz und Rechenschaft gründet.
Der Band bietet damit Grundlagenarbeit für die weitere Aufarbeitung sowie eine reflektierte Präventionskultur, die nicht nur auf Regularien und Meldepflichten setzt, sondern auf ein tiefes Verständnis der kirchlichen Semantiken von Nähe, Macht und Verantwortung.
Er richtet sich an Theologinnen und Theologen, Sozialwissenschaflerinnen und Sozialwissenschaftler, an Verantwortliche in Kirche und Diakonie sowie alle, die an einer nachhaltigen und theoriebasierten Aufarbeitung interessiert sind.
RELIGION / Ethics, Theologische Ethik, SOCIAL SCIENCE / Sociology / General, SOCIAL SCIENCE / General, RELIGION / Christianity / Protestant, RELIGION / Christianity / General, Sexueller Missbrauch und Belästigung, Protestantismus, evangelische und protestantische Kirchen, Soziologie, Sozialtheorie, Christentum, Theologie
Geboren 1965; Studium der Ev. Theologie in München, Heidelberg und Zürich; 1993 Promotion; 1996 Ordination zum Pfarrer der Ev.-lutherischen Kirche in Bayern; 1998 Habilitation; Professor für Systematische Theologie und Ethik an der LMU München; Mitglied im Bayerischen Ethikrat, leitende Mitarbeit in zahlreichen kirchlichen Beratungsgremien, u.a. als Vorsitzender für den Bereich Kirche und Gesellschaft im Kammernetzwerk der EKD.
Oliver Dimbath (Von (Autor))
Geboren 1968; Studium der Betriebswirtschaftslehre (Dipl. Betriebswirt FH 1993) und dann der Soziologie, Sozialpsychologie und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (Dipl. Soziologe 1998) in München; 2002 Promotion; 2012 Habilitation; Professor für Allgemeine Soziologie und Soziologische Theorie an der Universität Koblenz.
1. Sexueller und sexualisierter Missbrauch in Organisationen. Überlegungen zur hilflosen Institution
2. Kirchlicher Missbrauch. Kontextspezifische Formen in filmischer Interaktion
3. Verdachtsmomente sexuellen Missbrauchs oder sexualisierter Gewalt in der Gemeinde: Ein Planspiel zur Simulation problemzentrierter Interaktionsverläufe
4. Toxische Leitvorstellungen: Die Ambivalenz zentraler Semantiken der Kirche
5. Leitmodell Familie? Die Schattenseiten eines kirchlichen Gemeinschaftsideals
6. Opfer und Opferanalogien in der Theologie
7. Ethik der Nähe. Eine Skizze
8. Die tätige Verantwortung. Ein Ausblick