Die Briefkulturen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit haben in der Forschung Konjunktur: Dank zahlreicher Studien und Editionen wird das Bild der Umstände, Formen und Funktionen von schriftlicher Korrespondenz im Europa der Vormoderne immer detaillierter, und inhaltliche wie methodische Fragen werden noch einmal ganz neu gestellt. Lena Vosding leistet zu dieser Diskussion einen Beitrag, indem sie die ebenso umfangreiche wie einmalige Brieftextsammlung aus dem ehemaligen Benediktinerinnenkloster Lüne bei Lüneburg analysiert. In der Form von drei noch heute im Klosterarchiv verwahrten Handschriften aus der Mitte des 16. Jahrhunderts sind rund 1.800 Texteinheiten überliefert, die zeitlich bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts zurückreichen und einen breiten Einblick in den Alltag der Nonnen bieten. Die Autorin befragt die drei Handschriften aber nicht nur auf ihren unmittelbaren Textgehalt, sondern betrachtet sie auch als Objekte mit eigener Biographie. Erst in der Zusammenschau von Inhalt und Form, Material und Genese geben die Handschriften ihren vielfältigen Informationsgehalt preis und erweisen sich als komplexe Medien der gemeinschaftlichen Arbeit der Nonnen an ihrer koventualen Identität in der Krise der Reformation. So hebt die detaillierte Kontextualisierung nicht nur die Anwendung etablierter epistolarer Usancen durch die Nonnen hervor, sondern auch die Bedingungen monastischer Korrespondenz und das kuratierte Nachleben epistolarer Kommunikation in einer Sammlung. In der selektiven Zusammenstellung der Briefkopien offenbart sich die gezielte Reflexion und Fixierung eines rhetorischen und sozialen Profils, dessen materieller Ausdruck im Lauf der Zeit verschiedene Funktionen erfüllte.
Price: £140.70
Pages: 730
Publisher: Mohr Siebeck
Imprint: Mohr Siebeck
Series: Spätmittelalter, Humanismus, Reformation / Studies in the Late Middle Ages, Humanism, and the Reformation
Publication Date:
31 January 2027
ISBN: 9783162003737
Format: Hardcover
BISACs:
HISTORY / Social History, Sozial- und Kulturgeschichte, HISTORY / Europe / General, Europäische Geschichte: Mittelalter, Europäische Geschichte: Reformation
Geboren 1984; Studium der Mittelalterlichen Geschichte, Historischen Hilfswissenschaften und Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster; Promotion an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf; Gerda Henkel Research Fellow und Research Fellow am Linacre College an der University of Oxford; Projektkoordinatorin an der Niedersächsischen Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.
1. Einleitung
1.1. Forschungsstand
1.2. Fragestellung, Methodik und Aufbau der Arbeit
2. Raum und Zeit: Kloster Lüne im Spätmittelalter
2.1. Gründung und erste Entwicklung (bis 1170)
2.2. Konsolidierung (bis 1370)
2.3. Emanzipation (bis 1470)
2.4. Die Bursfelder Reform (zwischen 1470 und 1520)
2.5. Die Reformation (1520 bis 1580)
3. Die Lüner Text- und Schriftkultur
3.1. Liturgica
3.2. Bibliotheksbestand
3.3. Archivbestand
3.4. Lüner Textilien
4. Die Briefbücher Hs 15, 30 und 31
4.1. Äußere Erscheinung
4.2. Inhaltliche Zusammensetzung
4.3. Sortierung der Texte
4.4. Originale Briefe
5. Spätmittelalterlich-monastische Briefkultur
5.1. Der Brief Gattung und Gegenstand
5.2. Briefsammlungen und -lehren Formen und Funktionen
6. Theoretische Instrumente der Auswertung
6.1. Identität
6.2. Gruppe, Gemeinschaft und Institution
6.3. Kommunikation
7. Die Briefkulturen der norddeutschen Klosterlandschaft
7.1. Entwicklung und Bestimmung monastischer ars dictaminis
7.2. Weibliche ars dictaminis im Frauenkloster
7.3. Brief(lehr-)kultur der Lüneburger Frauenklöster
7.4. Personen, Gruppen und Netzwerke
8. Merkmale der Briefrhetorik in Hs 15, 30 und 31
8.1. Sprachen
8.2. Personae
8.3. Partes epistolae
8.4. Rhythmisierung und Stilmittel
8.5. Topik und Argumentationsmuster
8.6. Intertextuelle Elemente
8.7. Ernst und Scherz
9. Genese und Funktion der drei Hss
9.1. Entstehung
9.2. Komposition
9.3. Nutzung
9.4. Eine eigene Briefkunst?
10. Resümee